Beitrag
von Sonnenblume10 » Mi 6. Jul 2016, 13:46
Liebe Simsa,
ich find's toll, wie abgeklärt Du inzwischen mit der Sache umgehst und auch wie nüchtern Du ihn, einstmals DEN Mann für Dich, siehst.
Herrlich, Deine Schilderung, wie er sich dort aufführte, wie übertrieben er rumtat ... Ich habe jetzt gelacht und denke an meinen Ex., den ich erst am letzten Freitag dienstlich wieder gesehen habe.
Auch wir: kein"normaler" Umgang, keine unverkrampte Kommunikation. Man grüßt sich, man sieht sich und geht seines Weges bzw. wendet sich "wichtigeren" Menschen zu.
Ich wollte es auch versuchen mit ihm. Gute zwei Jahre nach der Trennung eine dienstliche Veranstaltung. Ich war früher da und dachte mir, ich gehe noch aufs Klo. Ich gehe zur Tür, will sie öffnen, aber sie geht auf und wer kommt rein? Erraten! Er natürlich. Das Schicksal ist manchmal echt ein Schelm oder ein Halunke!
Ich dachte mir: Hey, das gibt es doch nicht. Hier sind ca. 50 Leute und ausgerechnet ihm laufe ich sozusagen in die Arme. Wir grüßten uns und ich ging raus und er rein. Als ich zurückkam, sah ich, dass er sich weit hinten und nah am Ausgang platziert hatte. Es erschien mir wie ein Angebot von seiner Seite. Ich ging hin, begann ein wenig Smalltalk. Er reagiert erfreut (ich sah es an seinem Gesicht), er sprach ein wenig von sich, aber nur Plattheiten, er wirkte zurückhaltend und vorsichtig. Ich plapperte irgendwas und dann ging ich auf meinen Platz. Voller Euphorie, denn ich hatte das Eis gebrochen. Ab jetzt wäre die Türe offen für ein wenig mehr Kontakt, für ein unverkrampftes Wiedersehen bei der nächsten Veranstaltung, vielleicht sogar mal für einen gemeinsamen Kaffee zu zweit.
Innerhalb einer halben Stunde war von meiner Begeisterung darüber nicht mehr viel übrig. Wer hatte denn den Kontakt gesucht? Ich. Wer hatte denn nach so langer Zeit ein Gespräch angefangen? Ich. Wer hatte mehr von sich erzählt? Auch ich. Wer war über seinen Schatten gesprungen und hatte einen Schritt auf ihn zugemacht. Ich.
Und was hatte er getan? Nichts. Er wäre nicht zu mir hergekommen, hätte kein lockeres Gespräch angefangen, hätte sich nicht nach mir erkundigt. Alles war wieder mal auf meine Initiative geschehen, wie immer. Schon während der Beziehung ergriff immer wieder ich die Initiative für ein Gespräch, für die Suche nach einem gemeinsamen Weg, der nicht möglich war, wenn nur einer investiert und der Andere sich sperrt.
Ich überlegte den Rest des Tages. Ihn vielleicht doch mal anmailen oder gar anrufen? Ich tat nichts, sondern dachte mir: Schlaf mal drüber.
In dieser Nacht hatte ich einen Traum, in dem er vorkam. Ich interpretierte den Traum als eine Warnung meines Unterbewusstseins. Lass es sein, es wird Dir nicht helfen, Dich nicht glücklich machen.
Ich hörte darauf und tat nichts. Bis heute. Es sind sechs Jahre und ich glaube, es ist besser so.
Letztes Jahr verließ ich eine alljährliche Veranstaltung früher, weil ich meinen geplanten Zug erreichen wollte. Er hat es sicher gesehen, denn er saß ein paar Reihen hinter mir und es waren nicht so viele Leute da. Auf dem Weg zum Ausgang ging ich noch aufs Klo und als ich zwei Minuten später den Weg zum Ausgang fortsetzte, sah ich, wie er auf einmal vor mir ging. Ich überlegte in Sekunden: ihn ansprechen, ihn rufen?
Wollte er mich vielleicht sehen und hoffte mich einzuholen, denn er muste kurz nach mir gegangen sein?
Ich dachte dann: Nö, er wartete drei Minuten, damit er sicher sein konnte, dass ich bereits über alle Berge war, wenn er das Gebäude verlässt und zur U-Bahn oder sonstwohin latscht.
Ich ließ mich einige Meter zurückfallen und er bemerkte mich nicht. Am Ausgang ging er nach links, ich nach rechts.
Einem Freund erzählte ich davon, dass vermutlich die Variante zwei, dass er mir aus dem Weg geht, die richtige sei. Der Freund sagte: wenn er nicht will, zwing es ihm nicht auf.
Es stimmte. Auch Du kannst ihm keinen "normalen" Umgang verordnen, ein unverkramptes Gespräch führen, wenn er blockiert.
Sein Auftreten - gekünstelt und überdreht - zeigt ganz klar, dass er der Sache mit Dir nicht gewachsen ist, dass Du ihm überlegen bist (er empfindet Dich vermutlich als souverän) und da er damit nicht umgehen kann, versucht er es auf so kindische und leicht durchschaubare Art zu überspielen.
Du bist offenbar - vielleicht sogar aufgrund der Trennung - wesentlich gereifter, hast Dein Leben neu aufgestellt und weißt, dass Du Dich auf Dich verlassen kannst. Auf Dich, nicht auf ihn.
Aber für einen normalen Umgang gehören zwei. Wenn nur einer das anbietet und er Andere ablehnt, dann bleibt es so wie es ist.
Du hast ihm ein Angebot gemacht per Mail oder SMS und er ging nicht darauf ein. Mehr kannst Du nicht tun. Verhalte Dich so weit es geht, normal und lass einfach Zeit ins Land gehen. Manchmal dauert es Monate, manchmal Jahre, bis das Beziehungsende ganz ausgestanden ist (er kann nicht normal mit Dir umgehen, weil er mit Dir zusammen war, weil Du ihn kennst besser als jede Andere und weil er Dir Versprechungen gemacht hat, die er nicht gehalten hat) und manchmal geht es überhaupt nicht mehr.
Es ist letztendlich sein Problem. Du kannst es bedauern, aber mehr auch nicht tun. Dann lass es dabei. Er will eben nicht, vermutlich weil er verunsichert ist und das durch Gleichgültigkeit überspielen will. Vielleicht fühlt er sich auch schuldig und verfällt daher ins Gegenteil.
Erwachsen bist Du vielleicht geworden, er nicht. Er ist wie ein kleiner Junge - kindisch und unreif und peinlich, wenn er nicht merkt, wie aufgesetzt er wirkt.
Sonnenblume